Wo ist Ali Baba?

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800km, 2.551 Höhenmeter (insgesamt 5.378km und 36.539 Höhenmeter)

25. November – 9. Dezember 2015 – Wir konnten es kaum erwarten, endlich das Meer zu sehen und waren sehr neugierig, was uns erwarten würde. Denn weder unsere zwei Reiseführer noch unsere Internetrecherche lieferten irgendwelche hilfreichen Informationen. Würden wir an einer Gasförderanlage nach der anderen vorbeifahren? Würde es sehr einsam werden mit nur wenigen Dörfern und noch weniger Menschen? Oder würde es sogar gefährlich werden, immerhin wurden wir ja vor Ali Baba gewarnt?

Nach ein Paar weiteren sich windenden Straßen und mehrfachem Auf und Ab erreichten wir endlich die Küste. Das erste Dorf war sehr hübsch mit einem kleinen Strand und vielen Fischern. Wir füllten unsere Vorräte auf, mussten aber leider auf der Hauptstraße weiterfahren, da dies die einzige Küstenstraße war. Auf einmal war es wieder heiß mit Temperaturen von bis zu 30 Grad. Wir fanden das zwar super, mussten uns aber trotzdem erst wieder daran gewöhnen, kamen wir doch aus den Bergen mit Nachtfrost, wo am Vorabend noch stark geheizt wurde. Kaum hatten wir das Dorf verlassen, wurde die Landschaft schrecklich: Den ganzen Tage fuhren wir an einer Förderanlage nach der anderen vorbei. Wir konnten das Gas riechen, alles fühlte sich hier sehr ungesund an und wir dachten schon, unser Albtraum sei in Erfüllung gegangen. Später erfuhren wir, dass die Gasförderanlagen eine der Größten der Welt sind. Wir hatten noch die Ali Baba-Warnungen im Hinterkopf und so buchten wir uns in Assalouyeh in einem viel zu teuren Hotel ein. Jetzt waren wir noch mehr gespannt auf die kommenden 400km, da wir befürchteten, es würde genau so weitergehen.

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Ambush interview with an Iranian radio station
Überfall-Interview mit einem iranischen Radiosender

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Right around the corner is the first fishermen's village
Gleich um die Ecke ist das erste Fischerdorf
The sea, the sea!
Das Meer, das Meer – ENDLICH!

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The world seen from an Iranian perspective
Die Welt aus iranischer Perspektive
Still pretty...
Noch sehr hübsch…
...becoming more industrial...
…dann wird es zunehmend industrieller…
...not so pretty anymore.
…und dann ganz gruselig.

Aber so ging es nicht weiter. Tatsächlich fanden wir, dass dies landschaftlich der schönste Streckenabschnitt für uns im Iran war. Irgendwie sah alles wie im Grand Canyon in den USA aus mit roten Felsen und Schluchten, nur ein bisschen kleiner und als Zusatzbonus das Meer. Entlang des Meeres fuhren wir von einem Fischerdorf ins andere und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Noch immer hatten wir Angst, dass uns nach der nächsten Biegung Ali Baba begegnen würde, aber er wahr wohl mit anderen Dingen beschäftigt und nicht sonderlich an uns Radlern interessiert.

A beautiful and protected nature park right after Assalouyeh
Ein geschützter Nationalpark mit Assalouyeh im Hintergrund…
...and sadly the beach is still full with garbage
…und leider sehr viel Abfall am Strand.
Is he Ali Baba?
Ist das Ali Baba?
The pyramid next to the road is a water reservoir, which are abundant in this part of Iran
Die Pyramide neben der Straße ist ein Wasserreservoir, in dieser Gegend überall zu finden
Which was first? The road or the power pole?
Was war zuerst da? Die Straße oder der Strommast?

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Zwei Tage verbrachten wir in einem kleinen Dorf, da wir zufällig entdeckten, dass es dort einen Warmshowers Host gibt. Warmshowers ist eine Organisation, die Radfahrern Übernachtungsmöglichkeiten und oft auch Essen bietet, und das umsonst. Da wir Mehran erst am Vortag angeschrieben hatten, konnte er nicht vor 20 Uhr von der Arbeit zurück sein und so wurden wir von den Dorfbewohnern begrüßt, setzten uns neben die Straße, tranken gemeinsam Tee und aßen Obst. Mehran schrieb uns, dass uns entweder sein Vater oder sein Onkel, ein Lehrer, abholen würde. Als dann ein Englischlehrer ankam und uns drängte, schnell mitzukommen, dachten wir natürlich, dass das Merans Onkel sei. Allerdings war dem nicht so, der Lehrer hatte nur gerne ausländischen Besuch! Dies erfuhren wir, als Mehran später vorbeikam und fragte: “Wer hat meine Gäste gestohlen?” Es zeigte sich, dass Hassan, der Englischlehrer, ein wenig paranoid war. Er hatte eine harte Vergangenheit, wurde zu Studentenzeiten wegen seiner Anti-Regierungseinstellung gefoltert. Ständig betonte er, dass er seit zehn Jahren Tabletten gegen seine Depression nimmt. Als er uns dann irgendwann fragte, ob wir eigentlich wüssten, dass Merkel früher als Spion für den KGB tätig war – er begründete dies mit ihren hervorragenden Russischkenntnissen – zweifelten wir doch an den manchmal fragwürdigen Aussagen zum Iran. Trotzdem war Hassan ein sehr lieber und hervorragender Gastgeber und wir hatten eine sehr schöne Zeit mit ihm und seiner Frau, die uns fürstlich bekochte.

The welcome committee at the village
Empfangskommittee im Dorf
Suddenly the women wouldn't wear merely black and I looked much less like a bird of paradise
Auf einmal trugen Frauen nicht mehr den schwarzen Chador und ich kam mir nicht mehr wie ein Paradiesvogel vor
If this isn't delicious...
Wenn das nicht lecker ist…
Sightseeing with Hassan
Hassan fährt mit uns durch die Berge

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Mit Hassan, links von Johan, seinem Sohn und einem Freund

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Family photo with Hassan's family
Familienfoto mit Hassan Familie

Den zweiten Abend verbrachten wir dann schließlich mit unserem eigentlichen Gastgeber, Mehran, der für den Nachmittag noch eine kleine Radtour mit den Dorfkindern organisiert hatte. Wir hatten einen sehr schönen Abend mit Mehrans Eltern, da sein Vater, ein Schriftsteller, sehr gebildet ist und sich hervorragend mit Literatur und vielen anderen Dingen auskennt. Er stellte uns viele Fragen über unsere Kultur, Politik, westliche Ansichten zu Weltereignissen und wir hatten den ganzen Abend lange Diskussionen. Herzlichen Dank an Mehran und Maria für die schöne Zeit bei euch!

Just some of the kids joining our little bike tour
Nur ein Teil der Kinder, die an der Radtour teilgenommen haben
We've had sooooo much fun!
Das war sooooooo schön!
Mehran's family. Mehran is the second from the lefthand his father is carrying his baby with me standing between Maria and Mehran's mother
Mehrans Familie. Mehran ist der Zweite von links und sein Vater trägt sein Baby. Ich stehe zwischen Maria, seiner Frau und seiner Mutter.

Hier haben wir dann auch erfahren, dass der Küstenabschnitt sehr sicher zum Reisen ist, und dass das, was wir vorher hörten, nur Blödsinn war. Und wieder einmal ist alles nur auf die Religion zurückzuführen: Der Großteil der Iraner sind Schiiten und die Sunniten leben fast alle am Persischen Golf. Sunniten werden im Land oft diskriminiert und haben nicht denselben Zugang zur Infrastruktur. Die Straßen sind hier beispielsweise in einem viel schlechteren Zustand und es gibt auch nicht überall wie selbstverständliche Elektrizität oder fließendes Wasser. Die Sunniten hier sprechen in der Regel Arabisch und werden oft abfällig als Araber bezeichnet. Daher also diese Animositäten.

An einem Abend, als wir wieder einmal auf der Suche nach einem Schlafplatz waren, führte uns ein älterer Mann zu einer Moschee. Nachdem er mich zweimal ‘aus Versehen’ berührt hatte – ein Unding für Moslems – bot er Johan Geld für mich an. Johan gefiel das natürlich überhaupt nicht und war besorgt, dass der Mann irgendwann plötzlich in der Nacht auftauchen würde und so akzeptierten wir dankbar das Angebot eines (echten) Arabers, der hier im Dorf lebt und arbeitet, bei ihm zu übernachten.

On the road again
Unterwegs

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Tailwind!
Rückenwind!

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At the Arabian's house
Beim Haus des Arabers

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Coffee break behind an abandoned building
Kaffeepause hinter einem verlassenen Gebäude

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It's very hot
Es ist sehr heiß
Dinner with fish at a family's house
Abendessen mit Fisch bei einer Familie
Our hosts - the woman with the facial mask was clearly the boss of a huge family
Unsere Gastgeber – die Frau mit der Gesichtsmaske war definitiv der Chef der riesigen Familie

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A nice fishermen's village
Ein hübsches Fischerdorf

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A typical beach in Iran: small platforms - with or without roof - and a barbecue in front. At the back toilets and showers, perfect for camping as long as you don't mind people's chatters until the wee hours
Ein typischer Strand im Iran: kleine betonierte Plattformen – mit oder ohne Dach – und ein Grill davor. Im Hintergrund gibt es Toiletten und Duschen, perfekt für uns zum Zelten, solange es einem nichts ausmacht, dass hier das Strandleben bis weit nach Mitternacht stattfindet.
Beautiful sunset
Wunderschöner Sonnenuntergang
Beach cleaning at sunrise
Bei Sonnenaufgang wird der Strand gesäubert
Johan and his least favorite friend
Johan und sein unbeliebter Freund

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Great load factor
Hervorragender Ladefaktor
A typical roundabout usually featuring something typical from the region - the Quran can be found most often, no surprise
Ein typischer Kreisverkehr, auf dem immer irgendetwas Typisches aus der Region steht – den Koran gibt es natürlich am häufigsten zu sehen…
...and here some prawns for a change.
…und hier dann zur Abwechslung ein Paar Garnelen.
Even the youngest ride a motorbike
Sogar die Jüngsten fahren schon Motorrad

Nach mehr als einer Woche in dieser abgelegenen und umwerfenden Gegend fuhren wir mit der Fähre auf die Insel Queshm, wo wir wieder ein Paar Tage in einem Gasthaus verbrachten. Dort haben wir zwei weitere Reiseradler getroffen, radelten und liefen durch einen Unesco Geopark bevor wir uns wieder auf die Rückreise nach Bandar Lengeh machten, um mit der Fähre nach Dubai zu fahren.

Squeezed in between the cars on the ferry
Auf der Fähre zwischen Autos eingequetscht
Cycling through an old fishermen's village famous for its many wind towers
Fischerdorf, das für seine vielen alten Windtürme bekannt ist
The same village seen from the Portuguese castle or what's left from it
Dasselbe Dorf von der portugiesischen Burg aus gesehen

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The old harbor
Am alten Hafen
A lot of camels
Viele Kamele
Shipyard where wooden ships are still built like 100 years ago
Eine Werft, wo die Holzschiffe noch wie vor 100 Jahren gebaut werden
Ali Baba?
Ali Baba?

Im Unesco Geopark:

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At our guesthouse with the owner and the two other cyclists Heiner and Patrick
Im Gasthaus mit dem Besitzer und den beiden Radlern Heiner und Patrick
Last day on the island
Letzter Tag auf der Insel
A refugee camp outside a small town back on the mainland
Ein Flüchtlingscamp am Rand einer kleinen Stadt auf dem Festland
Enjoying one more Iranian hospitality
Noch einmal genießen wir die Gastfreundschaft im Iran mit den Kindern unseres Gastgebers
Fresh crabs as a starter...
Frische Krabben als Vorspeise…
...and shark as a main.
…und Haifisch als Hauptgericht.
Our room for the night
Unser Zimmer für die Nacht

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Last full day cycling in Iran
Letzter Radeltag im Iran
Last time camping in Iran at the beach
Ein letztes Mal zelten am Strand im Iran
Last night spent with an Iranian host
Und die letzte Nacht bei Iranern verbracht
At the harbor - and no, this is not our ferry
Am Hafen, und nein, das ist nicht unsere Fähre
Our luxury speed boat to Dubai
Unsere luxuriöses Schnellboot nach Dubai
Bye bye Iran
Auf Wiedersehen Iran

Unsere zwei Monate im Iran waren mit vielen schönen Begegnungen mit den gastfreundlichsten Menschen, die wir je getroffen haben, gefüllt. Trotzdem sind die Menschen hier sehr unsicher. Noch nie wurden wir so oft gefragt, der Welt doch mitzuteilen, dass Iraner gute Menschen sind. Die Menschen hier sind sehr stolz auf ihre Herkunft, aber nicht auf ihre Regierung. Über Politik wird nicht gerne geredet, sei es, weil sie Konsequenzen befürchten oder weil sie Angst vor unserer Meinung haben. Noch müssen im Iran viele humanitäre Probleme gelöst werden, Meinungsfreiheit gibt es hier nicht, die Medien werden von den Mullahs kontrolliert und das Internet ist in einem Ausmaß zensiert, dass es wirklich selbst uns sehr genervt hat. Der Iran wird von konservativen Geistlichen regiert, der Präsident ist deren Marionette.

Aufgrund des sehr starken Verkehrs und der Tatsache, dass es nicht so viele ruhigere Straßen gibt, ist das Land nicht unbedingt ein Traum für Radler, trotzdem fühlten wir uns fast immer sicher auf den Straßen. Wir waren dann doch traurig, dieses gastfreundliche Land verlassen zu müssen, aber auch sehr gespannt darauf, was uns nun in den Vereinten Arabischen Emiraten erwarten würde.

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