Yukon, Kanada: “We never stop for anyone – we might get shot!”

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1.012 km und 7.542 Höhenmeter (insgesamt 10.604km und 64.409 Höhenmeter)

27. Mai – 12. Juni 2016 – Nach genau einem Monat auf dem amerikanischen Kontinent erreichten wir die kanadische Grenze. Um ganz genau zu sein standen wir am US-Grenzposten, einem kleinen Gebäude und die Zollbeamten wollten noch nicht einmal unsere Pässe sehen. Wir sollten noch nicht einmal ausgestempelt werden. Auch unsere Visumfragen blieben unbeantwortet, im gewohnt unfreundlichen Ton der US-Beamten. Wir fuhren etwas unzufrieden weiter, da wir noch immer nicht wussten, für wie lange wir später wieder in die USA zurück durften. Hier wurde uns erzählt, dass unsere Zeit in Kanada von unseren insgesamt erlaubten sechs Monaten abgezogen würde. Außerdem wurde uns mitgeteilt, dass wir die USA nur einmal pro Jahr für sechs Monate besuchen dürften. Das war jetzt das dritte Mal, dass wir uns eine andere Geschichte anhören mussten – und das immer von offiziellen Immigrations-Behörden. Nach 25km erreichten wir dann die kanadische Grenze. Ein besonders freundlicher Zollbeamte stellte uns die üblichen Fragen: Wie viel Geld haben Sie? Was arbeiten Sie? Haben Sie vor, ein Verbrechen zu begehen? Haben Sie irgendwelche Waffen bei sich? Wir bekamen unsere Stempel und reisten in unser 32. Land per Rad ein.

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Yippie, wir sind in Kanada

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…und um ganz genau zu sein: in Yukon
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Mittagessen am Straßenrand

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Noch immer hatten wir keine Bären gesehen, aber wir wussten, dass dies nicht mehr lange dauern würde, da wir uns nun im entlegensten Gebiet unserer Reise befanden. Wir hatten immer Essen für mehrere Tage dabei, da wir kaum gute Informationen darüber bekamen, ob es Läden an den Tankstellen gab oder nicht. Oft mussten wir Hunderte von Kilometern durch die Wildnis radeln, ohne an irgendwelchen Häusern vorbeizukommen.

In diesem nördlichen Teil Kanadas war die Landschaft traumhaft. Schneebedeckte Gebirgszüge, Frühlingsblumen am Straßenrand, unendliche Wälder, rauschende Flüsse und bald auch viele Bären und anderes Getier. An einem Tag sahen wir einmal acht Bären. Definitiv zu viele für meinen Geschmack, aber im Nachhinein eine unvergessliche Erfahrung. Die Bären sehen so friedlich und freundlich aus, wenn sie am Straßenrand grasen. Mehr als einmal regten wir uns über Touristen auf, die meinten, ihre Fahrzeuge verlassen zu müssen, nur um für ein Foto so nah wie möglich an die Bären ranzukommen. Diese Tiere sind gefährlich und wir wurden täglich daran erinnert, wenn wir an ihnen vorbeiradeln mussten. Die Bären fixierten uns, bis wir außer Sichtweite waren. Manche Touristen beschuldigten uns sogar, dass wir die Bären verscheuchen würden. Und tatsächlich rannten einige zurück in den Wald, wenn wir um die Ecke kamen. Meist hielten sie dann in sicherer Distanz an und stellten sich auf die Hinterfüße, um besser sehen zu können. Über diese Touristen konnten wir nur die Köpfe schütteln.

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Dieser hier überquerte ganz gemütlich die Straße

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Dieser Fuchs besuchte unseren Zeltplatz, um nach Essen zu suchen
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Das sind Bergschafe obwohl wir finden, dass sie eher wie Bergziegen aussehen

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Neugierige Ziesel überall um uns herum
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Ups, schon wieder…

Leider hatten wir dieses Mal nicht wirklich Glück mit dem Wetter. Es regnete fast jeden Tag, manchmal nur ein Paar Schauer, oft aber auch Dauerregen. Zusätzlich kämpften wir täglich mit starkem Gegenwind, was uns unsere Zeit hier in Kanada nicht wirklich versüßte. Und als ob das nicht schon genug wäre kamen auch noch sehr unangenehme Kanadier dazu. Der Service entlang des Highways war unglaublich schlecht und die wenigen Läden, Tankstellenbesitzer und Campingplätze scherten sich auch kaum darum. Uns ist schon klar, dass es hier wirklich schwer ist, Geschäfte zu machen, da die Saison kurz ist und die meisten Amerikaner, die hier zu finden sind, verlassen ihre riesigen Campingbusse nur zum Tanken.  Und wenn ich hier riesig schreibe, dann meine ich eigentlich gigantisch groß, in der Regel mindestens so groß wie ein großer Reisebus für Fernreisen, die dann auch noch mindestens ein Auto, wenn nicht sogar einen Anhänger, in dem dann ein Auto, ein Motorrad und manchmal sogar noch Räder untergebracht waren. Wir saßen einmal in der Lounge eines Campingplatzes als so ein Gefährt vorfuhr. Johan meinte nur zu mir, “jetzt wird es voll, da fährt gerade ein Reisebus vor, da sitzen sicherlich 50 Leute drin!” Aber wir immer kam nur ein Ehepaar aus diesem Monster. Was uns allerdings am meisten schockierte war die Tatsache, dass es zum Fahren dieser Busse noch nicht einmal eines besonderen Führerscheins bedarf.

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Eine Anzeigetafel, auf der sogar Radreisende vorkommen…

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Ein noch recht kleiner Campingbus, das Fahrzeug dahinter wird einfach angehängt

Wir konnten überhaupt nicht verstehen, warum wir hier so unfreundlich behandelt wurden. Niemand schien Fahrradfahrer zu mögen, obwohl wir so gut wie die einzigen waren, die hier etwas aßen – ob gut oder schlecht – und viel Geld für Campingplätze bezahlten, die so gar nichts boten. In einer besonders abgelegenen Gegend hielten wir an einem Campingplatz, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Leider durften wir nicht, wir sollten Wasserflaschen kaufen, denn das Wasser aus den Wasserhähnen sei nur für Gäste. Wir gingen ohne Wasser und verärgert, da es gegen unsere Prinzipien ist, Plastikflaschen zu kaufen, wenn Trinkwasser reichlich vorhanden ist. Und es geht uns hier nicht um’s Geld. An der Bürotür hing übrigens dieses Schild: “Wenn Sie einen Bären sehen, kommen Sie nicht in mein Büro.” Das sagt schon alles! Später füllten dann deutsche Touristen unsere Wasserflaschen und wir stellten unser Zelt an einem kleine Bach auf, in dem wir uns auch wuschen. Essen gab’s an einem wärmenden Lagerfeuer und müde verkrochen wir uns später in unsere Schlafsäcke.

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Ohne diese wärmenden Lagerfeuer hätten wir Kanada wohl nicht überlebt

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In diesem Teil der Welt gibt es noch kaum Verkehr und wenn, dann handelt es sich um Touristen oder Versorgung-LKWs aus oder nach Alaska. Das machte das Radfahren trotz Highway für uns sehr angenehm. Leider bestand die Strecke aus vielen Baustellen und wir wurden dort dann oft ziemlich eingestaubt. Schlimmer war allerdings, dass wir auf Teilstrecken nicht mehr selbst fahren durften, sondern unsere Räder auf einen LKW laden mussten. Zu gefährlich! Beim ersten Mal versuchten wir noch zu verhandeln, merkten aber schnell, dass wir chancenlos waren. Anstelle mussten wir 20 Minuten warten, bis Feierabend war. Amerikaner – auch in Kanada – haben immer Angst, verklagt zu werden falls etwas passiert.

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Staub
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In so einem ‘Pilot Car’ durften wir meist durch die Baustellen fahren

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Eines Morgens, als wir unser Camp verließen, wohlwissend, dass es die nächsten 200 Kilometer nichts anderes gibt als Bäume, Berge und Bären sahen wir plötzlich ein Paar rote Gebäude in der Ferne. Als wir näher kamen, sahen wir ein Schild mit der Aufschrift “Creperie” und dachten, das muss entweder eine Fata Morgana sein oder ein Relikt aus früheren Zeiten. Aber nein! Es handelte sich tatsächlich um eine französische Bäckerei irgendwo im Nirgendwo, in der französische Leckereien, Brot und natürlich Crepes verkauft wurden. Obwohl wir gerade erst gefrühstückt hatten, konnten wir es uns nicht verkneifen, nochmals zuzuschlagen und gönnten uns ein leckeres zweites Frühstück.

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Ups, ein Grizzly. Schade eigentlich, dass wir gerade auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz waren

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Auf einem anderen Campingplatz teilte man uns mit, dass die Toiletten um 21 Uhr schließen würden und Duschen gäbe es im Übrigen auch nicht – und das für 20$. Wir waren bereits seit 120km und den frühen Morgenstunden unterwegs, es war mittlerweile 20:45 Uhr und Weiterfahren war keine Option. Wir wuschen uns daher so gut es ging schnell in den Toiletten. Später erfuhren wir dann, dass die Toiletten so früh abgeschlossen werden, da sich die LKW-Fahrer aus Mangel an Duschen darin waschen würden…

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In dieser Touristen-Information bekamen wir sogar Tee und Kaffee umsonst

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Mittlerweile fragt ihr euch sicherlich, warum wir überhaupt noch Campingplätze aufsuchen, anstelle irgendwo in der Wildnis zu zelten. Dafür gab es einige Gründe: Erstens fühlten wir uns auf Campingplätzen vor Bären sicherer als in der freien Wildbahn. Zweitens bekamen wir immer Wasser von anderen Reisenden und mussten das Wasser nicht aus den Flüssen filtern und trotzdem riskieren, krank zu werden. Der dritte und wichtigste Grund war für uns, dass wir unsere Essenstaschen und Toilettenartikel wie Zahnpasta nicht außer Reichweite von Bären in Bäume hängen mussten. Das wäre übrigens sowieso fast unmöglich gewesen, da die kargen Tannen keine geeigneten ausreichend starke Zweige hatten. Auf den Naturcampingplätzen gab es meist spezielle Schließfächer, in denen wir unser Essen bärensicher wegschließen konnten. Wenn nicht, ließen sich die bärensicheren Abfallbehälter immer von hinten öffnen, wo wir dann unsere Sachen verstauten. Ohne irgendwas im Zelt außer zwei müffelnden Radfahrern, Bärenspray auf beiden Seiten und Feuerwerkskörper, die Johan geschenkt bekam, schliefen wir meist relativ gut.

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Hier war mal wieder Umziehen angesagt – ein Tag, an dem es immer wieder regnete

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Die meisten staatlichen Campingplätze oder sogenannten Naturcampingplätze waren immer landschaftlich wunderschön gelegen. Tolle Aussichten, fast immer an einem See oder Fluss, allerdings immer ohne Duschen. Dafür gab es Plumpsklos und Feuerstellen mit Feuerholz. Meist musste das Geld in einen Umschlag und dann in einen Briefkasten gesteckt werden – in der Regel bezahlten wir zwischen 10 und 15$.

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Eine der spektakulären Eisenbrücken
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Beim Geschirr spülen
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Kunst der Ureinwohner Kanadas
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Ein Elch, den wir in Kanada nie gesehen haben

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Einige der Geschäfte am Highway waren dann doch besonders gut – und dann auch total überfüllt. Exzellenz spricht sich eben rum. Und wir haben natürlich auch tolle Menschen getroffen. Zum Beispiel unsere WarmShowers Gastgeberin Sue aus Whitehorse, bei der wir einige Tage bleiben durften und mit der wir eine Kanufahrt machten. Bei einem Treffen mit ihren Freunden lernten wir Dee kennen, eine Künstlerin, die mit Ton arbeitet. Wir luden sie spontan am nächsten Tag zu Sue zum Frühstück ein und sie zeigte uns ihre Kunstwerke. Wer sich für ihre Arbeit interessiert, kann gerne mal hier reinschauen:  http://www.DBaileyArt.com. Und dann gab es da noch den Amerikaner in Ruhestand, der einfach nur so anhielt, um zu fragen, ob wir etwas nötig hätten. Oder einige andere Amerikaner, die uns spontan zu sich nach Hause einluden, wenn wir dann wieder in den USA sind.

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Ein wunderschöner See, aber leider wieder Gegenwindp1260218
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Johan war so hungrig, dass er einen zweiten Hamburger bestellte
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Späte Ankunft am Vorabend verleitete uns dazu, in diesem schäbigen Motel abzusteigen
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Eine interessante Kirche in Haines Junction

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Wir sind klar für ein Mini-Abenteuer
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Letztes Foto mit unserer Gastgeberin Sue

Nach vielen Kilometern durchs Nichts und etwas weniger spektakulären Landschaften und nach der Überquerung der nördlichen Rocky Mountains  freuten wir uns auf Watson Lake, das auch als das Tor ins Yukon (von British Columbia aus gesehen) bekannt ist oder für seinen Schilderwald.

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Ein lustiger japanischer Radler, den wir kurz nach Whitehorse trafen

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Zeit für den Abwasch
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Das Tagebuch wird im heutigen Zuhause aktualisiert

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Eine der ältesten Brücken im Yukon
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In diesem riesigen Land die etwas einfachere Fortbewegungsmethode

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Und bevor wir in dieses Auto umsteigen, sind wohl noch einige Schönheitsreparaturen notwendig

Wir hielten am ‘RV Park’, um nach einem Zeltplatz zu fragen. Wir bekamen die unfreundliche Antwort: “Keine Zelte.” Da uns keine anderen Campingplätze bekannt waren, fragten wir, ob wir denn gegen Bezahlung duschen dürften, aber auch das war nicht möglich. Auf unsere Frage, warum er denn so unfreundlich sei, bekamen wir die Antwort, dass er Zelte nicht ausstehen könne, vor allem aber Radler, da diese ihre Essenstaschen immer außerhalb des Zeltes aufbewahren würden. Ja, natürlich. Was sollen wir denn im Bärenland machen, wenn es keine Schließfächer für Essen gibt?

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Wild campen auf einem Rastplatz

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Interessantes Fahrradgestell

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Zum Glück fanden wir noch einen anderen Campingplatz, versteckt hinter einer Tankstelle mit sauberen Duschen und Toiletten und sogar nagelneuen Waschmaschinen. Hier trafen wir ein älteres Ehepaar, das direkt neben uns parkte, ohne bei Ankunft auch nur einen Ton zu sagen. Später entschuldigten sie sich für ihre schlechte Laune, schließlich hätten sie 700 Meilen hinter sich. Am nächsten Tag erzählten wir ihnen, dass wir so enttäuscht über die Unfreundlichkeit der Menschen seien. Niemand spricht mit dem anderen, alle bleiben unter sich und interessieren sich nur für sich selbst. Wir erzählten auch, dass wir sehr verwundert waren, dass so gut wie nie jemand halten würde, um zu fragen, ob wir etwas bräuchten, Wasser zum Beispiel. Sie sagten uns dann, dass sie auch nie für jemanden halten würden, auch nicht für Radfahrer – man könnte sie ja erschießen. So eine Antwort kann nur von einem US-Amerikaner kommen. Uns kam es so vor, als würden alle Amerikaner in Angst leben.

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Nach Calgary ist es noch weit

2 thoughts on “Yukon, Kanada: “We never stop for anyone – we might get shot!”

  1. Ich bin überrascht von so viel Unfreundlichkeit zu lesen. Weder habe ich während meiner Kanada-Durchquerung vergleichbare Erfahrungen gemacht, noch habe ich derartiges in anderen Blogs von Alaska-Reisenden gelesen. Berichtet doch mal in der Biking Across Canada Gruppe auf facebook davon, mal sehen, was die anderen sagen. Aber super Fotos! Es gibt in Kanada bärensichere Behälter für Lebensmittel zu kaufen. Googelt mal bei MEC. Übrigens, meinen Blog findet ihr auch hier bei wordpress.

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    1. Ja, leider ist es uns so ergangen. Alaska war aber komplett anders, dort hat es uns auch deutlich besser gefallen. Keine Ahnung, woran das lag. Wir kennen die Behälter, da wir aber schon ohne diese über 35 kg jeder dabei hatten, wollten wir nicht noch mehr dazu kaufen.

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