Der berühmt-berüchtigte Pamir Highway – Teil 2

23. August – 8. September 2015 – Der Pamir Highway ist eines der Highlights unserer Reise, daher berichten wir über die wichtigsten Geschehnisse in insgesamt vier Teilen anhand unserer täglichen Tagebucheinträge.

137km, 1047 meters altitude gain (1258km and 16,155 m altitude gain in total)
137km, 1.047 Höhenmeter (1.258km und 16,155 Höhenmeter insgesamt)

Tag 6: Karakul – Fuß des Passes Akbaital: 48km, 503 Höhenmeter
Wir kommen heute kaum voran, wir sind spät losgefahren und der Wind bläst gnadenlos in unser Gesicht. Wir treffen zwei österreichische Radler und Eddy (nicht Merckx) aus Belgien, die heute Glück haben, erkundigen uns über die bevorstehende Strecke und weiter geht es. Nach 40km gesellt sich zum Wind auch noch extremes Waschbrett und ich werde vor Anstrengung immer schwächer und schiebe immer öfter mein Rad, da ich so bei diesem Gegenwind und Straßenbelag deutlich schneller vorankomme. Kurz vor dem Pass sehen wir ein Camp und beschließen, dort zu bleiben. Bevor wir bei den Bauern anfragen klären wir ab, dass wir unser eigenes Zelt aufbauen und selber kochen. Fünf Minuten später hat uns Johan für knapp sieben Euro ein Bett in der Hütte ‘gebucht’ einschließlich Halbpension. Zunächst sind wir froh, da wir uns für den restlichen Tag viel Arbeit sparen, bereuen dies aber recht schnell. Die Menschen sind sehr gastfreundlich, wir bekommen Tee, Brot Kefir und Butter. In der total überheizten Hütte ruhen wir uns bei Temperaturen von ca. 30 Grad ein bisschen aus, ersticken aber beinahe, da der kleine Ofen, der zum Kochen und Heizen genutzt wird, viel zu viel Rauch in die Hütte bläst. Wir können uns nicht waschen und so halten wir bis zum Abendessen durch. Es gibt wieder Tee und Brot und so etwas wie Ravioli mit Fleisch- und Zwiebelfüllung. Schmeckt lecker, ist aber viel zu fett. Nach dem Essen fängt die zehnjährige Tochter an, unser Bett vorzubereiten. Dazu legt sie dicke Decken und Kissen auf dem Boden aus und deutet an, dass wir uns nun schlafen legen könnten. Da der Rest der Familie noch um den Tisch herum sitzt und isst und wir noch immer in unseren Radklamotten vor uns hinmüffeln, bleiben wir erst einmal sitzen. Außerdem würden wir uns ja zumindest gerne unsere Schlafanzüge anziehen, wenn wir uns schon nicht waschen können. Nach der zweiten Aufforderung, uns doch jetzt schlafen zu legen, gehorchen wir. Flüsternd fährt die Familie mit ihrem Abendessen fort und feuert immer wieder die Heizung. Nach dem Essen lässt das Oberhaupt der Familie direkt neben Johan einige Fürze fahren, raucht zwei Zigaretten während wir fast eingehen unter den schweren Decken und mit all unseren Kleidern am Körper.  Ungefähr eine uns endlos vorkommende Stunde später, in der wir natürlich kein Auge zugetan haben, beginnt die Familie mit den eigenen Schlafens-Arrangements. Dazu müssen weitere Decken ausgelegt werden, die direkt hinter uns gestapelt sind und so stolpert das Mädchen für die nächsten 10 Minuten andauern über uns. Nachdem sie endlich fertig sind und alle liegen, beginnt das Mädchen endlos zu reden. Wir sind natürlich immer noch hellwach, mittlerweile haben wir uns jedoch heimlich ausgezogen. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, eine Nacht in Sport-BH und Radhose zu verbringen. Johan war so schlau, und hat sich seinen Schlafanzug mitgenommen, ich hatte leider nur mein verschwitztes T-Shirt, unsere Kleidertasche stand am anderen Ende der Hütte für uns unerreichbar. Jetzt lag ich vor der Herausforderung, meinen nackten Hintern unter der dicken Decke bei weiterhin 30 Grad in der Hütte zu verstecken und mich am nächsten Morgen rechtzeitig bevor die Familie wach wird, anzuziehen. Nachdem es dann endlich still wird hören wir ein weiteres seltsames Geräusch: das Mädchen ist wieder aufgestanden, um in eine Schüssel zu pinkeln. Dieser Vorgang wiederholt sich dann mehrfach in der Nacht und am Morgen wachen wir müder auf als am Tag zuvor. Die Höhe von 4.100m und meine sich ankündigenden Magenprobleme haben zu dieser schlechten Nacht wohl auch noch beigetragen.

Our nice little homestay
Homestay am Karakul-See

Leaving Sary Tash

Leaving Sary Tash
Wir verlassen Sary Tash
Lake Karakul
Am See Karakul
Eddy from Belgium
Eddy aus Belgien

Tag 7: Pass Akbaital – Murghab: 89km, 544 Höhenmeter
Heute überqueren wir unseren höchsten Pass von 4.655m. Da wir früh losfahren, weht noch kein Wind. Mir geht es nicht sehr gut, ich habe starke Magenkrämpfe und muss mich kurz vor dem Pass zum ersten mal erleichtern. Der Anstieg ist sehr schwer und steil und wir schieben beide des öfteren. Die Höhe macht es uns nicht leichter und oft schaffen wir nur 50m, bevor wir wieder pausieren. Die Landschaft um uns herum ist irreal, rote Berge, die mit der Lichteinstrahlung die Farbe ändern, kaum Vegetation und neben den lustigen Pfeiftönen der Murmeltiere, die uns neugierig beobachten, herrscht unheimliche Stille. Nach 12,5 km erreichen wir glücklich den Gipfel und ab hier geht es nur noch nach unten – sowohl was die Höhe aber auch meinen Gesundheitszustand anbelangt. So langsam komme ich mir wie ein Hund vor, der alle Paar Kilometer seine Marke hinterlässt. Nach dem Mittagessen passiert zum ersten Mal etwas Seltsames. Ungefähr 500m vor uns sehe ich  Menschen auf der Straße stehen, obwohl hier nichts um uns herum ist als Landschaft. Ich werde etwas nervös, da ich nicht weiß, was uns erwartet. Wir stecken unser Pfefferspray in die Tasche und radeln nebeneinander. Täglich passieren uns nur ungefähr 10 bis 20 Autos und wir wissen, dass wir auf uns selbst gestellt sind. Als wir näher kommen erkennen wir zwei Soldaten, die mit Maschinengewehren bewaffnet sind und einen weiteren Mann, der auf der Straße sitzt. Kurz bevor wir die Männer passieren, steht der sitzende Mann auf. Johan grüßt freundlich “Salam”, wir werden zurückgegrüßt und dürfen ungestört weiterradeln.

Gegen 15 Uhr beginnt es wieder zu winden und wieder ist es Gegenwind. Ich bin mittlerweile sehr erschöpft, mein Durchfall wird schlimmer und schlimmer und mit dem Wissen, dass wir noch mindestens zehn Kilometer gegen den Wind radeln müssen,  breche ich zusammen. Ich kann nicht mehr aufhören zu heulen, da ich nicht weiß, wie ich es bis ins nächste Dorf schaffen soll. Johan tröstet mich und in seinem Windschatten fahren wir langsam weiter. Als wir dann endlich nach einer letzten Kurve das Dorf im Tal liegen sehen, fließen die Tränen wieder – dieses Mal vor Freude. Wir haben es fast geschafft! Diese Nacht verbringe ich fast ausschließlich auf der Toilette – schon wieder schlaflos!

Leaving our camp early in the morning
Wir verlassen unser Lager am frühen Morgen
Washboard!
Waschbrett!
First toilet break
Erster Toilettenstopp!
Ascending the highest pass
Auf dem Weg zum Gipfel unseres höchsten Passes
Confident to be able to make it
Zuversichtlich, dass wir auch das schaffen!
Ha - we made it...
Ha – geschafft…
...but we definitely didn't fly
…geflogen sind wir allerdings nicht!
The beginning of a very long downhill
Der Anfang einer langen Abfahrt
Sand storms
Sandstürme
This was more or less the population between the pass and Murghab
Das war mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung auf diesem Streckenabschnitt
Happily arrived in Murghab
Glücklich in Murghab

Tage 8 und 9: Murghab
Lange Radeltage, Essen, das ich wahrscheinlich nicht hätte zu mir nehmen sollen, eventuell verunreinigtes Wasser, Gegenwind, schlaflose Nächte aufgrund der Höhe, das härteste Radfahren auf schlechten Straßen, das ich je mitgemacht habe und ein schweres Fahrrad haben Spuren hinterlassen. Ich liege im Bett mit Fieber und sehr starkem Durchfall und muss zwei Tage pausieren. Die Symptome sprechen für Reisedurchfall und die Einnahme eines mitgebrachten Antibiotikums verbessern meinen Zustand am zweiten Tag schnell, so dass ich mich in der Lage fühle, morgen die Reise fortzusetzen.

A typical townhouse in the Pamirs
Ein typisches Stadthaus in den Pamirs
The desolate township of Murghab
Die etwas trostlose Stadt Murghab
Lenin welcomes us in the smallest village
Lenin heißt uns im kleinsten Dorf willkommen
Market time
Auf zum Markt!

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